Der Schöne Brunnen

Die Sage vom Ring am Schönen Brunnen
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Der Schöne Brunnen zu Nürnberg

In der Werkstatt des Schlossermeisters Köhn zu Nürnberg glühte die Esse und dampfte der Gießofen vom frühen Morgen bis spät in den Abend hinein. Ein großes Werk sollte dort vollendet werden: Der Schöner Brunnen von Nürnberg soll das Gitter bekommen, welches der Rat bei dem Meister bestellt hatte. Da galt es, keine Zeit zu verlieren; denn diese Arbeit forderte eifrige Hände. Der Meister und seine Gesellen schafften im Schweiße ihres Angesichts und wenn sie am Abend die Werkstatt verließen, waren sie schwarz vom Ruß und müde von der Arbeit. Aber selbst dann konnte der Lehrbub noch kein Ende finden. Er war der erste in der Gießhütte und der letzte, der sie verließ. Ja, zuweilen musste ihm des Meisters Tochter sogar das Essen hinüberbringen; denn er fand keine Zeit, um sich mit den andern an den Tisch zu setzen. Da aber fiel es der Meisterin auf, dass das Mädchen stets über die Maßen lang in der Werkstatt blieb und oft nach einer halben Stunde noch nicht zurückgekehrt war, als müsste es das Essen erst dreimal um die Stadtmauer tragen. Darum schlich die ungute Alte eines Tages ihrer Tochter nach und guckte durchs Fenster der Werkstatt. Ei! — da sah sie drinnen den Lehrbuben bei der Jungfer sitzen und die beiden plauschten recht fröhlich miteinander. Gleich rannte die Meisterin wieder zurück in die Stube, um ihren Mann zu holen. Dem keifte sie nun die Ohren voll, schimpfte auf den Lehrbuben, weil er das Mädchen ganz verhext hätte und drang so sehr in ihn, dass er zornrot in die Werkstatt eilte. Da saßen die beiden noch und plauderten so eifrig miteinander, dass sie die zwei Alten gar nicht kommen hörten. Der Bursche sprach da- von, dass er auch einmal ein tüchtiger Meister werden wolle, und dass es sein Herzenswunsch sei, das Mädchen, das da neben ihm saß, zu seiner lieben Hausfrau zu machen. Patsch! — da hatte der Lehrbub schon eine hinterm Ohr, dass er von der Bank herunterpurzelte und längelang auf den schmutzigen Boden fiel. Meister Köhn aber stand wie ein Riese Goliath hinter ihm, strich sich den Schnauzbart und sprach: „Lausejunge! Ich will dir helfen und dir den Blödsinn aus dem Schädel schlagen!“

 

Der Junge erhob sich mühsam. „Es ist die Wahrheit, Meister und es ist mein ehrlicher Wunsch“, entgegnete er. ,,Halts Maul!“ brüllte Köhn. „Erst lern, und wenn du was kannst, dann magst du ans Meisterwerden und ans Heiraten denken, — eher nicht!“ Die Frau Meisterin riss ihre Tochter an sich und schob sie mit Püffen vor sich durch die Tür. „Sag ihnen doch, Margret, dass du einmal mei- ne Meisterin werden willst!“ rief ihr der Junge nach. Doch da lachte der Alte, dass die Scheiben klirrten. Bist du denn verrückt?“ fragte er dann in seiner derben Art. „Ein Hungerleider und ein Dummkopf wie du wird nimmermehr meiner Tochter Gemahl. Und damit du es bestimmt glaubst, ist dir mit dieser Stunde der Dienst in meinem Hause aufgesagt. Du wirst morgen deinen Krimskrams zusammenpacken und mein Haus verlassen, — verstanden?“ Die Werkstatttür fiel krachend ins Schloss. Da stand nun der Lehrbub allein da. Er griff sich an die Stirn. “Was hat der Meister gesagt?“ fragte er sich immer wieder. Ein Hungerleider wär‘ ich. Nun, es ist nicht meine Schuld, dass ich armer Leute Kind bin. Aber dass er mich einen Nichtskönner schalt, das tut mir weh. Nein! — Er soll erfahren, dass ich kein Dummkopf bin. Ich will es ihm beweisen!“

 

Und sogleich begann er die Arbeit aufs Neue. Er hämmerte und feilte. Er schürte das Feuer im Ofen und blies in die Kohlen. Er schaffte und schaffte und achtete nicht auf die Uhr. Die Stunden zogen vorüber, die Nacht ging dahin. Der Morgen kam und erst als ein verschlafener Hahn irgendwo in seinem Stall den neuen Tag verkündete, legte der Lehrbub den Hammer aus der Hand, setzte sich erschöpft auf die Bank und starrte sein Werk an, das er in dieser Nacht vollendet hatte. So trafen ihn die Gesellen. „Was hast du da schon geschafft in aller Herrgottsfrühe?“ fragten sie ihn. Er zeigte ihnen einen Ring, der im Gitter hing und den man drehen konnte. Sie standen um das Wunderwerk und staunten es an. Auch Meister Köhn kam und schüttelte den Kopf; dergleichen hatte er noch nicht gesehen. Obwohl er ein erfahrener Mann in seinem Fach war, konnte er sich‘s doch nicht erklären, wie dieser Ring ins Gitter gekommen war. Er fragte nach dem Lehrbuben. Doch der war verschwunden. Man suchte nach ihm in seiner Kammer, fand dort aber nur einen Zettel auf dem die Worte standen: „Leb ́ wohl Margret und vergiss mich! Nun mag Dein Vater erkennen, dass ich kein Dummkopf bin!“

 

Da fielen dem Meister die bösen Worte ein, mit denen er den Jungen gestern beschimpft hatte, und sein Jähzorn tat ihm von Herzen leid. Wäre der Bub jetzt da gewesen, wahrlich, er hätte ihn gelobt und hätte wohl zu ihm gesagt: „Du sollst einst nach mir die Werkstatt bekommen, und für meine Tochter wüsst‘ ich mir keinen besseren und tüchtigeren Mann als dich!“ Aber der Lehrbub blieb verschwunden. Seit diesen Tagen wird behauptet, der Ring besäße geheime Kräfte um das Unrecht wieder gut zu machen. Und man sagt: „Wer den Ring dreht, dem gehe ein Wunsch in Erfüllung“.

Aus dem Buch „Alt-Nürnberger Sagen“ von Franz Bauer